neXTraum – aktueller Projektstand

Die kommunale Ebene ist für die Jugendpolitik und die Beteiligung junger Menschen von zentraler Bedeutung: Junge Menschen können so zum einen im Dialog mit Politik und zivilgesellschaftlichen Organisationen die Wirksamkeit politischen Engagements unmittelbar erleben und jugendliche Lebenswelten mitgestalten: Wenn sich Jugendliche vor Ort politisch engagieren – sei es für den Erhalt eines Jugendzentrums, Disco-Busse an den Wochenenden, einen Dirt-Bike-Parcours oder auch für eine bessere Förderung von Jugendverbänden – können sie dadurch (hoffentlich) den Erfolg politischen Agierens unmittelbar erfahren. Sie erkennen, dass es sich lohnt, sich zu engagieren, sie lernen das politische System kennen und sie erfahren die hohe politische Bedeutung zivilgesellschaftlicher Organisationen für die Interessenvertretung und somit für das politische System. Z zum anderen ist die örtliche Ebene durch die „Bottom-Up-Struktur“ der Jugendverbände die „Brutzelle“ für das jugendpolitische Agieren des Verbandes und auch der kommunalen Jugendringe. Sowohl für die innververbandliche als auch für die gesamtgesellschaftliche Demokratie ist es daher wichtig, junge Menschen zu politischem Engagement zu motivieren, Gelegenheiten für politische Beteiligung zu verbessern und neue Formen jugendpolitischen Engagements zu etablieren. Jugendpolitik ist dabei immer als Querschnittspolitik zu verstehen und darf nicht „nur“ auf das Thema Jugendarbeit beschränkt werden.

Die Ausgangssituation

Rückblickend ist für die letzten Jahr(zehnt)e in vielen Kommunen ein schleichender Rückgang des jugendpolitischen Engagements sowie des Stellenwertes der Jugendarbeit und der Jugendpolitik festzustellen. Dies lässt sich für Niedersachsen u.a. an den folgenden Befunden festmachen:

  • Haushaltsanteil für Jugendarbeit gehtverliert finanziell an Bedeutung: Während die Ausgaben für Jugendhilfe von 1992 bis 2008 inflationsbereinigt von 1,1 Mrd. € auf 1,75 Mrd. € erhöht haben, sind die Ausgaben der öffentlichen Hand für die Jugendarbeit mit 136 Mio. € annähernd konstant geblieben. Wurden 1991 noch 12,3% der Mittel der Jugendhilfe für Jugendarbeit ausgegeben, waren es 2008 nur noch 7,8%. Es stellt sich die Frage, ob die der gesetzlichen Verpflichtung, einen „angemessenen Teil“ der Mittel für die Jugendarbeit zu verwenden, damit noch nachgekommen wird.
  • Die Mitarbeitenden der kommunalen Jugendarbeit werden mit zusätzlichen Aufgaben überhäuft: Kooperation mit Ganztagsschulen, Arbeitskreise zur Prävention, Schulsozialarbeit oder auch zuletzt das Bundeskinderschutzgesetz (BKiSchG) landen als zusätzliche Aufgaben auf dem Schreibtisch der hauptamtlichen  Mitarbeiter_innen der Jugendarbeit. Eine Aufstockung des Personalschlüssels findet vielerorts nicht statt. Dies führt dazu, dass klassische Aufgaben der öffentlichen Jugendarbeit, wie z.B. die Kooperation mit kommunalen Jugendringen oder auch die Beratung und Unterstützung von Ehrenamtlichen bei freien Trägern, nicht mehr wahrgenommen werden.
  • Darunter leidet auch die Kooperation zwischen Jugendpflegen und freien Trägern: Beurteilten 1992 noch 89% der kommunalen Jugendringe die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Jugendpflege als gut, so waren es 2008 nur noch 50%.
  • Jugendverbände und Jugendringe werden nicht ausreichend beteiligt: So wird die Jugendarbeit z.B. in den meisten kommunalen Bildungslandschaften, die zz. in Niedersachsen entstehen, nicht als Partner mitgedacht bzw. die Träger der Jugendarbeit müssen selber ihre Berücksichtigung einfordern. Erschwert wird dies dadurch, dass nahezu alle anderen Akteure in kommunalen Bildungslandschaften im Gegensatz zu Jugendverbänden und Jugendringen über hauptamtliches Personal vor Ort verfügen.
  • Die Mitwirkung von Jugendgruppen und -verbänden in den kommunalen Jugendringen ist verbesserungswürdig; ursächlich dafür ist zum einen das vielerorts unklare Selbstverständnis bzw. Profil kommunaler Jugendringe, so dass die einige Jugendleiter_innen der Mitgliedsgruppen keinen Mehrwert bei der Mitarbeit im Jugendring erkennen können, zum anderen aber auch die dünne ehrenamtliche Personaldecke bei vielen Jugendgruppen. Die Vernetzung und gemeinsame jugendpolitische Interessenvertretung wird dann als nachrangig eingestuft: Hauptsache die eigene Jugendgruppe „funktioniert“.
  • Etliche Jugendgruppen verstehen sich selber nicht als jugendpolitische Akteure, d.h. über die innerverbandliche Beteiligung junger Menschen hinaus wird von ihnen die Lobby-Funktion für die Belange junger Menschen kaum wahrgenommen.
  • Das Subsidiaritäts-Prinzip wird immer mehr ausgehöhlt: So befinden sich immer weniger Einrichtungen der Jugendarbeit in Trägerschaft freier Träger. Den Trägern der Jugendarbeit fehlen somit auf der kommunalen Ebene Infrastruktur und vor allem Personal, das bislang auch in die Verbände hinein wirken, Ehrenamtliche unterstützen und politische Bildungsarbeit begleiten konnte. Zudem werden die Einrichtungen für junge Menschen dadurch oftmals der demokratischen Kontrolle durch die Zielgruppe entzogen: Während bei Jugendverbänden der Vorstand und letztendlich auch die Mitglieder die inhaltliche Ausgestaltung der Angebote mitbestimmen können, fehlt eine solche Instanz bei vielen Einrichtungen in Hand der öffentlichen Träger – hier bestimmen oftmals Bürgermeister_innen über die Angebote der Jugendarbeit.
  • Ähnliches ist auch bei den meisten kommunalen Beteiligungsprojekten festzustellen: Statt den Jugendringen oder Jugendverbänden entsprechende Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um (projektbezogene) Beteiligungsprojekte durchzuführen und kontinuierliche Beteiligiungsformen für junge Menschen zu etablieren, werden auch diese i.d.R. von der Kommune selber, tlw. im Zusammenspiel mit (semi-)kommerziellen Anbietern durchgeführt.
  • Die Formen ehrenamtlichen Engagements junger Menschen wandeln sich u.a. durch den Einfluss von Turbo-Abi und Verschulung des Studiums: Der Trend geht zu projektartigem Engagement. Darin besteht auch für Jugendverbände und Jugendringe eine Chance, junge Menschen speziell für politische Themen anzusprechen; es erschwert aber auch die kontinuierliche Arbeit und z.B. die Interessenvertretung durch den Jugendring. So wird es immer schwieriger, junge Erwachsene zu finden, die sich längerfristig für ehrenamtliches Engagement – z.B. die Mitarbeit im Jugendhilfeausschuss oder auch im Vorstand des Jugendrings – binden können.

Insgesamt ist festzustellen, dass die Kommunen ihre Gesamtverantwortung im Sinne des KJHG oftmals unzureichend wahrnehmen, Kinder und Jugendliche nicht ausreichend beteiligt werden, die Fördermittel für die Jugendarbeit nicht bedarfsgerecht sind und bürokratische Vorgaben das ehrenamtliche Engagement erschweren.

Diese Situationsbeschreibung macht deutlich, dass Lernfelder für Demokratie und politische Beteiligung junger Menschen in den letzten Jahren durch den Wandel der Rahmenbedingungen geschwächt wurden: Wenn kommunalpolitisch Verantwortliche nicht von sich aus auch die Meinung junger Menschen und deren Interessenvertretungen einfordern, wenn Jugendpfleger_innen sich nicht auch als Anwält_inn_e_n für die Belange der Jugendarbeit und der Jugendlichen verstehen oder wenn Jugendgruppen nicht selber zu Themen Stellung nehmen, die die Lebenswelt junger Menschen betreffen, dann fehlen Jugendlichen oftmals Beteiligungsanlässe. Darüberhinaus ist festzustellen, dass das jugendpolitische Engagement von Jugendgruppen oftmals ins Leere läuft, weil Ansprechpartner_innen in Politik und Verwaltung fehlen bzw. die Anliegen junger Menschen dort „ausgesessen“ werden. Hier will neXTraum ansetzen und dazu beitragen, dass Jugendpolitik „vor Ort“ wieder einen höheren Stellenwert bekommt.

Die Ziele von neXTraum

Die zeitgemäße Weiterentwicklung der kommunalen Jugendpolitik und die Qualifizierung der Interessenvertretung sind angesichts der aktuellen gesellschaftlichen und skizzierten Rahmenbedingungen ein bedeutendes Anliegen der Jugendverbände. Die Jugendverbände im Landesjugendring Niedersachsen e.V. wollen diese Herausforderungen annehmen und sich auch auf der kommunalen Ebene verstärkt für eine aktive Jugendpolitik im Interesse der jungen Menschen einsetzen. Sie wollen Jugendpolitik mitgestalten und die jugendpolitische Verantwortung auch durch ein verstärktes politisches und vernetzendes Engagement vor Ort und in Jugendhilfeausschüssen entschiedener wahrnehmen. Mit einem entsprechenden Beschluss im Rahmen der Vollversammlung 2012 wurden die Weichen für das Projekt „neXTraum“ gestellt.

Ziel des Projektes ist es gemeinsam mit Vertreter_inne_n der kommunalen Jugendringe sowie der örtlichen Jugendgruppen und -projekte einen gemeinsamen Diskussions- und Entwicklungsprozess zu initiieren. Dabei sollen Hilfestellungen für die kommunalpolitische Interessenvertretung erarbeitet werden, zeitgemäße Arbeitsformen entwickelt und die Bedeutung der Jugendpolitik auf der kommunalen Ebene gestärkt werden. Jugendleiter_inne_n soll Lust auf mehr jugendpolitisches Engagement gemacht werden, sie sollen dazu Hilfestellungen und Methoden erhalten und die Bedeutung der Jugendpolitik als Querschnittsaufgabe der Kommunalpolitik gestärkt werden. neXTraum ist somit auch ein Projekt zur Stärkung der Demokratie: Wenn Jugendliche in dieser Lebensphase erfahren, dass es sich lohnt und Spaß macht , sich politisch zu engagieren, werden sie auch als Erwachsene sehr viel eher politisch aktiv werden. Dabei kommt dem jugendpolitischen Engagement im Rahmen von Jugendverbänden und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen eine besondere Bedeutung zu.

Konkrete Ideen erproben

In einem ersten Schritt wurden mithilfe einer Online-Befragung Jugendleiter_innen, Mitglieder der Jugendhilfeausschüsse und Jugendring-Vorstände um deren Einschätzung zur Situation der Jugendarbeit und Jugendpolitik gebeten – Ergebnisse sind auf www.neXTraum.de zu finden. Auf dieser Grundlage erarbeitet die AG nun einzelne Module, die nun in einzelnen Regionen erprobt werden sollen.

Zu den entwickelten Modulen gehört u.a.

  • ein Baustein „Jugendpolitik“ für die Aus- und Fortbildung von Jugendleiter_innen, der kommunalpolitische Entscheidungsprozesse, Strukturen der Jugendpolitik vor Ort, Netzwerke der Jugendarbeit und die Bedeutung jugendpolitischer Aktionen praktisch erfahrbar macht – zum Beispiel in Form eines Planspiels.
  • ein „Juleica-Forum“ als neue Form der Vollversammlung kommunaler Jugendringe, bei der organisatorische Notwendigkeiten minimiert, jugendpolitische Themen in den Mittelpunkt gestellt und alle Jugendleiter_innen stimmberechtigt sind.
  • das Angebot eines Polit-Campaignings: Mit professioneller Unterstützung sollen sich kommunale Jugendringe bzw. ein Zusammenschluss von Jugendgruppen vor Ort für die Erreichung eines bestimmten Zieles einsetzen und dadurch jugendpolitisches Handwerkszeug erlernen bzw. vertiefende Kenntnisse erhalten. Dabei sollen vor Ort neue Bündnisse in der Jugendpolitik entstehen, die öffentliche Wahrnehmung der Jugendarbeit gestärkt und das Profil der beteiligten Träger geschärft werden.

Diese Module sollen nun in einzelnen Regionen erprobt und ggf. um weitere Module ergänzt werden. Die Module setzen dabei insbesondere bei den Aktiven in der Jugendarbeit an: Jugendleiter_innen sollen Lust auf Jugendpolitik bekommen und sie sollen verstärkt qualifiziert werden, um jugendpolitische Anliegen offensiv gegenüber den kommunalpolitischen Akteur_inn_en zu vertreten. Dabei sollen zugleich auch die Möglichkeiten für projektbezogenes jugendpolitisches Engagement in den Strukturen der Jugendarbeit verbessert werden.

Ergänzend wurde bereits im vergangenen Jahr die Webseite www.neXTtools.de gelauncht. neXTtools.de ist eine Online-Methodendatenbank, in der die Mitarbeitenden der Jugendarbeit über 300 Spielideen für Freizeiten und Gruppenstunden sowie über 200 Methoden für Seminare und Juleica-Ausbildungen – darunter auch in der Kategorie „machen“ über 50 Methoden rund ums Thema Beteiligung und Partizipation.

neXTtools.de ist mehr als „nur“ eine Methodendatenbank. Denn die Ideen der Aktiven in der Jugendarbeit für eine bessere Welt oder für die Jugendarbeit und Jugendpolitik in Niedersachsen sind gefragt! In der Kategorie „weltverbessern“ können kreative Ideen und Aktionen entwickelt, diskutiert und ausgetauscht werden. Dadurch soll ein spielerischer und niedrigschwelliger Ansatzpunkt für jugendpolitische Arbeit geboten werden.

Vernetztes Engageament für Jugendpolitik – auch auf der Landesebene

Parallel zu dem neXTraum-Projekt innerhalb der Jugendverbands- und Jugendringarbeit befasst sich zz. auch der Landesbeirat für Jugendarbeit mit dem Zusammenspiel der verschiedenen Träger der Jugendarbeit auf der kommunalen Ebene und will Handreichungen für die Jugendarbeit entwickeln und dabei auch die Anforderungen an eine zeitgemäße jugendpolitische Arbeit auf der lokalen Ebene formulieren, und dabei öffentliche und freie Träger in die gemeinsame Verantwortung für eine regionale Politik im Interesse der Kinder und Jugendlichen nehmen.  Beide Prozesse werden ineinander verzahnt vorangetrieben, um gemeinsam mit allen Akteur_inn_en bestmögliche Rahmenbedingungen für die Beteiligung junger Menschen in den niedersächsischen Kommunen zu schaffen.

Veröffentlicht unter Allgemein, Hintergrund
Einzelbefragungen:
  • Jugendleiter-in
  • Jugendring-Vorstandsmitglied
  • JHA-Mitglied
Gruppenbefragung:
  • Kreisverband, Ortsgruppe, Projekt
  • Jugendring